Der Vater und das Boot


„Der nasse Tod“ - der neue Roman von Nobelpreisträger Kenzaburo Oe



Eigentlich wollte er mit 60 Jahren aufhören zu schreiben, doch kurz vor Erreichen dieser selbst gesetzten Altersgrenze kam ihm der Nobel­preis „dazwischen“. „Kenzaburo Oe hat mit poetischer Kraft eine ima­ginäre Welt geschaffen, in der Leben und Mythos zu einem erschüt­ternden Bild der Lage des Menschen in der Gegenwart verdichtet werden“, lobte das Nobelkomi­tee den Preisträger des Jahres 1994. Oe selbst wertete seine Ehrung stets als Aus­zeichnung für die ge­samte japanische Li­teratur.
Sein 2009 im Original erschienener und nun in deutscher Übersetzung vorlie­gende Roman „Der nasse Tod“ kommt wie eine Essenz aus dem bisherigen Werk daher, durchweht von Altersmelancho­lie und getragen von einem stark autore­ferentiellen Habitus.
Der inzwischen 83-jährige japanische Autor spielt mit seiner eigenen Autobiografie und mit seiner Existenz als Schriftsteller – getarnt hinter der Fassade sei­nes literarischen Ego Kogito Choko, das ihn schon seit vielen Jahren begleitet.
Er lässt Choko einen bilanzierenden Vater-Sohn-Roman schreiben und erzählt von dessen literarischem Scheitern an den eigenen, hochge­steckten Zielen. Und genau diesen Roman über Kenzaburo Oe selbst und sein ambivalentes Verhältnis zu seinem Vater lesen wir auf einer zweiten Erzählebene, auf der sich Erinnerungen, Träume, Fantasien und Fiktion zu einer bunten Melange vermischen.
Da ist das handlungstragende Einstiegsbild (egal ob Erinnerung, Traum oder Fiktion), als der Vater kurz vor Kriegsende in einem Boot sitzt, in das der Ich-Erzähler als Kind selbst hinein springen will. Doch der Versuch scheitert, das Boot wird von der Strömung des Hochwas­sers davon getragen. Der Vater wird später tot an Land gespült, alles deutet auf Suizid als Ursache für den „nassen Tod“. Die Schmach der sich anbahnenden Kriegs-Niederlage konnte er offensichtlich nicht er­tragen. Der Vater sympathisierte mit ultranationalistischen Offizieren, die einen Anschlag auf den zur Kapitulation bereiten Tenno planten.
Kenzaburo Oe blickt durch die Kogito-Figur auf sein eigenes literari­sches Werk, das er von einer avantgardistischen Theatergruppe auf­führen lässt. „Werden Ihre Romane noch als richtige Romane wahrge­nommen?“, lässt er einen besorgten Leser fragen. Dieses Buch-im-Buch-Projekt ist durchkomponiert von A bis Z und liefert eine durch­aus kritische Lebensbilanz aus der subtil arrangierten, fiktiven Außen­perspektive. Trotz der unübersehbaren biografischen Parallelen zwi­schen dem Autor und der Kogito Choko-Figur ist durch die eingefügte Meta-Ebene nichts handfest verbürgt. Fakten und Fiktion sind bei der Lektüre nicht zu trennen.
Oe rechnet in seinem (leider) etwas ausufernden erzählerischen Ver­mächtnis´ mit dem japanischen Nationalismus und dem Tenno-Kult ab, gleichzeitig wirft er leicht wehmütig einen Blick zurück auf seine rela­tiv unbeschwerte Kindheit auf der Insel Shikoku.
Kenzaburo Oe rekonstruiert mit großem Elan seinen eigenen Lebens­weg, hält in der Rückschau an biografischen Weggabelungen inne, spielt Möglichkeiten durch und gefällt sich in der Rolle des Sich-Selbst-Neuerfinders auf der Schlussetappe des Lebens, dessen Gegenwart geprägt ist vom altersbedingten körperlichen Verfall, von nachlassen­der Konzentration, Kreislaufproblemen, Schwindelanfällen, von der Krebserkrankung seiner Frau und den Schwierigkeiten mit seinem behinderten Sohn.
Glücksmomente waren im Oeuvre von Kenzaburo Oe zwar stets dünn gesät, aber „Der nasse Tod“ liest sich wie der finale Abgesang eines großen Autors, wie ein Konglomerat aus Schmerz und Selbstzweifel.

Kenzaburo Oe: Der nasse Tod. Roman. Aus dem Japanischen von Nora Bierich. S. Fischer Verlag, Frankfurt 2018. 432 Seiten, 20 Euro


erschienen in:
Die Rheinpfalz (Ludwigshafen) 29.12.2018
Landshuter Zeitung 5.1.2019
Abendzeitung (München) 8.1.2019
Hessisch-Niedersächsische Allgemeine (Kassel) 26.1.2019
Luxemburger Wort 26.1.2019
Titel-Magazin (Würzburg) 18.3.2019