Gemälde als Zäsur


Haruki Murakamis Roman
"Die Ermordung des Commendatore I"



Einen verwegenen Balanceakt zwischen Künstlerroman, Schauerge­schichte, magischem Realismus und Selbstfindungsepos präsentiert uns der neue Roman von Haruki Murakami. In den letzten Jahren wurde der 69-jährige japanische Schriftsteller regelmäßig als heißer Kandidat auf den Literatur-Nobelpreis gehandelt. Im deutschen Sprachraum erfreut er sich schon seit dem Sommer 2000 großer Popularität. Damals war es im "Literarischen Quartett" des ZDF über Murakamis Roman "Gefährliche Geliebte" zum öffentlichen Zerwürfnis zwischen Marcel Reich-Ranicki und Sig­rid Löffler gekommen. Reich-Ranicki hatte einen "hocherotischen Roman" gelesen, und seine Wiener Kollegin sprach von "trivialer Pornographie". Fortan waren die in deutscher Überset­zung erschienenen (und neuaufgeleg­ten) Werke von Murakami echte Ver­kaufsschlager: "Wilde Schafsjagd, "Hard-Boiled Wonderland", "Tanz mit dem Schafsmann und "1Q84".
Das neue Erzählwerk, in dessen Mittelpunkt ein namenloser Ich-Er­zähler steht, hat nach seinem Erscheinen in Japan Rekordauflagen er­reicht. Der Protagonist befindet sich in den Dreißigern, als er nach sechsjähriger Ehe unvermittelt von seiner Frau verlassen wird. Der leidlich erfolgreiche Portraitmaler zieht sich darauf hin zurück in die Berge - in ein Haus, das ihm ein Freund (Sohn des bekannten Malers Tomohiko Amado) überlassen hat. Er verdient seinen Lebensunterhalt mit Kunstunterricht in einer nahe gelegenen Kleinstadt und will in aller Abgeschiedenheit über sich und seine Kunst reflektieren.
Doch mit der selbstgewählten Einsamkeit ist es schnell vorbei. Ein be­tagter Herr in schneeweißem Anzug und leuchtend hellen Haaren taucht bei ihm auf und möchte (gegen ein üppiges Honorar) unbedingt von ihm portraitiert werden.
So weit der stringent abgesteckte erzählerische Rahmen der Ausstei­gergeschichte eines Künstlers, dem die Ideale (und seine Frau) ab­handen gekommen sind. Aber nach und nach wird es immer turbulen­ter in der abgelegenen Berghütte. Auf dem Dachboden begegnet der Protagonist einer Eule, die auf einem verstaubten Gemälde thront, an dem der inzwischen demente Maler Tomohiko Amado während seiner Studienzeit in Österreich mitgemalt hat. Das Bild trägt den Titel "Die Ermordung des Commendatore" und zeigt das Duell zweier unter­schiedlich alter Männer. Der Jüngere rammt seinem Kontrahenten ein Schwert ins Herz. Mozarts "Don Giovanni" lässt gleich mehrmals grü­ßen, denn in Murakamis Epos ist recht häufig von Musik die Rede - vor allem von Mozart, Strauß und Schubert.
Mit der Entdeckung des Gemäldes ändert sich das Leben der Hauptfi­gur gravierend.  Wie eine Art Erweckungserlebnis fungierte der An­blick, fortan ist er wieder inspiriert, er entdeckt für sich die Farben neu - vor allem das leuchtende Weiß, das er für das Portrait des Herrn Menshiki benötigt.
Haruki Murakami erzählt in einem lockeren Plauderton, zieht aber sei­ne Leser immer wieder durch geheimnisvolle Schlenker in den Bann. Er weckt eine gehörige Portion Neugier auf die Rätselhaftigkeiten im Alltag des Malers. So hat er mit einer älteren Frau einmal pro Woche Sex, und was hat es mit dem Schacht auf sich, den er auf dem Berg­grundstück entdeckt und aus dem seltsame Geräusche erklingen?
Und plötzlich wird sogar der Commendatore aus dem Gemälde leben­dig und erklärt (in Anlehnung an den Untertitel des Romans) "Ich bin nur eine Idee."
Was da so relativ klar konturiert als Aussteigergeschichte begann und sich als Treffen zweier einsamer Menschen, die Erinnerungen an jun­ge Mädchen teilten (der Ich-Erzähler verlor früh seine Schwester und Menshiki hat eine uneheliche Tochter), fortsetzte, bewegt sich mehr und mehr in die Sphäre eines anspielungsreichen, schaurigen Nebels.
Spuren führen gar ins Wien des Jahres 1938, wo der betagte und in­zwischen demente Maler Amado einst gewirkt hat. Das Gemälde soll demnach ein misslungenes Attentat auf einen NS-Funktionär darstel­len. Zwischen Don Giovanni und dem Wien der späten 1930er Jahre hat Murakami listenreich etliche erzählerische Slalomläufe arrangiert.
"Hin und wieder kann man in unserem Leben die Grenze zwischen Realität und Illusion nicht richtig ziehen", erklärte der weißhaarige Menshiki im Roman und trifft damit den Grundtenor punktgenau.
Haruki Murakamis Roman mit dem Untertitel "Eine Idee erscheint" liest sich so herrlich schräg und doch gleichzeitig so inspirierend, dass man glaubt, der wiederauferstandene Edgar Allan Poe hätte Thomas Manns "Doktor Faustus" fortgeschrieben.
Und die Fortsetzung befindet sich auch schon in der verlegerischen Pi­peline. Am 16. April erscheint der zweite Teil mit dem vielverspre­chenden Titel "Eine Metapher wandelt sich" in deutscher Übersetzung.


Ulla Hahn: Haruki Murakami: Die Ermordung des Commendatore I. Eine Idee erscheint. Roman. Aus dem Japanischen von Ursula Gräfe. Dumont Verlag, Köln 2018, 477 Seiten, 26 Euro

Rezension erschienen in:


Rheinische Post 31.1.2018
Hess. Nieders. Allgemeine 31.1.2018
Straubinger Tagblatt 3.2.2018
Landshuter Zeitung 3.2.2018
Wiener Zeitung 10.2.2018